Veröffentlicht am 8. Juli 2026
Mit rund 40 Besucherinnen und Besuchern war die Bücherei gut gefüllt, als die Philosophin und Autorin Celina von Bezold gestern ihr aktuelles Buch „Der Blick – Sehen und Gesehenwerden als existenzielle Kraft“ vorstellte. Die Veranstaltung fand in Kooperation mit der Hospiz-Gruppe Prien und dem Jakobus Hospizverein Rosenheim statt, mit denen die Bücherei seit vielen Jahren gemeinsame Veranstaltungen organisiert.
Gleich zu Beginn räumte Celina von Bezold mit einem Vorurteil auf: Oft habe sie unter den Reaktionen auf ihren Beruf als Philosophin gelitten und sich bei der Vorstellung als Philosophin regelrecht als „Partyschreck“ gefühlt. Dabei, so ihre Überzeugung, dürfe Philosophie nichts sein, was nur wenige Menschen verstünden. Ein Philosoph sei vielmehr „derjenige, der es im Fragen am längsten aushält“.
Im Mittelpunkt des Abends stand der Blick – und die Frage, welche Bedeutung das Sehen und Gesehenwerden für unser Menschsein hat. Bezold beschreibt sich selbst als jemanden, der „sich von Blicken ernährt und sie sammelt“. Sie warb dafür, sich in einer gesunden Autonomie zu begegnen – einer Freiheit, die nicht im Gegensatz zu Verbundenheit steht.
Gemeinsam mit dem Publikum ging sie der Frage nach, was den Menschen von anderen Lebewesen unterscheidet. Aus den Reihen der Zuhörerinnen und Zuhörer kamen Antworten wie Empathie, Sprache und Vernunft. Bezold ergänzte Selbstreflexion, Selbstwahrnehmung und das Bewusstsein der eigenen Endlichkeit. Der Mensch sei vor allem „symbiosebegabt“ – auf Beziehung angelegt.
Dass Verbundenheit häufig mit Abhängigkeit verwechselt werde und Symbiose oft einen negativen Beigeschmack habe, sieht sie kritisch. Nicht der Einzelne, der alles alleine schafft, sei das Ideal. Vielmehr entstehe echte Autonomie im Miteinander. Zur Veranschaulichung verwies sie darauf, dass Menschen im Vergleich zu anderen Säugetieren gewissermaßen als „Frühgeburten“ zur Welt kommen: Rein statistisch müsste die menschliche Tragzeit etwa 22 Monate betragen. Weil wir unfertig geboren werden und keinen von Anfang an funktionierenden Instinktapparat besitzen, sind wir von Beginn an auf ein Gegenüber angewiesen. Ohne ein „Du“ wäre der Mensch nicht lebensfähig.
Immer wieder führte Bezold den Blick als Sinnbild für diese grundlegende Verbundenheit an. Jemandem in die Augen zu schauen, gleiche einem erneuten „Zur-Welt-Kommen“. Wer den Blick eines anderen zulasse, wage einzugestehen, ihn zu brauchen – und könne die Erschöpfung loslassen, alles allein schaffen zu müssen. Im Blick erkenne man den anderen, sich selbst und zugleich etwas Drittes, eine Ambivalenz zwischen faszinierend und abstoßend. Er verrate den inneren Zustand eines Menschen und werde so zu einer „Schatzkammer“, aus der Ruhe, Kraft und Zugehörigkeit wachsen können.
Auch die Sehnsucht vieler Menschen, sich selbst für einen Moment zu vergessen – etwa durch Rauschzustände oder im Schlaf – ordnete Bezold in diesen Zusammenhang ein. Dahinter stehe oft der Wunsch, die Last des ständigen Ichs für einen Augenblick abzugeben.
Auch den Bogen zur Hospizarbeit schlug Bezold in ihrem Vortrags. Gerade in der Begleitung schwerkranker und sterbender Menschen brauche es oft nicht viele Worte. Im Blick sei bereits alles enthalten, was einen Menschen in seiner Einzigartigkeit wahrnehme – unabhängig davon, was er erlebt habe oder wie einsam er gewesen sei. Der Blick habe die Kraft, einen Menschen anzunehmen, ihm das Gefühl zu geben, wirklich gesehen zu werden, und ihn auf seinem letzten Weg zu begleiten. So könne der Blick, wie Bezold es formulierte, einen Menschen „zur Welt kommen lassen und ihn auch gehen lassen“.
Die Besucherinnen und Besucher verfolgten den philosophischen Vortrag aufmerksam und nutzten im Anschluss die Gelegenheit zum persönlichen Austausch mit der Autorin. Die Veranstaltung bot viele Denkanstöße über Menschlichkeit, Begegnung und die Kraft des Miteinanders.





